Alzheimer
Eine andere Welt?

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Blaue und graue Tage
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Neue Ausstellung:
Was gut für mich ist

  Betreuung Demenzkranker
Dr. Jan Wojnar zu dem Konzept von Pflegen & Wohnen:

     Demenzkranke Menschen vergessen bereits nach wenigen Sekunden das Geschehene und Gesagte. Bei ihren Entscheidungen können sie die Situation nicht realistisch beurteilen und auf frühere Erfahrungen zurückgreifen. Die Kontinuität des Lebens mit einer unmittelbaren Vergangenheit und Zukunftserwartungen wird aufgehoben.

     In den stationären Pflegeeinrichtungen werden überwiegend Kranke mit einer mittelschweren bis schweren Ausprägung der Demenzsymptome betreut. Sie leben in einem „ewigen Augenblick“, ohne Zeitgefühl, ohne Bezug zur Realität der „Gesunden“, bestimmt durch zufällige Erinnerungen, Stimmungen und Handlungen. Sie existieren in unserer Wirklichkeit, leben aber und handeln in einer eigenen Welt. Die zufällig aus dem Gedächtnis auftauchenden Erinnerungen scheinen für die Kranken wirklicher zu sein, als die objektive Realität. Sie erleben sich als jung, leistungsfähig, gesund und selbstständig, lehnen fremde Hilfe als überflüssige und aufdringliche Belästigung ab und nehmen ihre krankheitsbedingten Defizite nicht wahr. Eine bewusste Anpassung des Verhaltens an die Erwartungen der Umgebung und soziale Normen ist ihnen nicht mehr möglich. Im Vordergrund stehen Empfindungen und Verhaltensmuster, die früh in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit entstanden sind und zum überleben in einer feindlichen und primitiven Umwelt unerlässlich waren. Dazu gehören die Bedeutung einer Sicherheit vermittelnden Gruppe, die Angst vor dem Unbekannten (und Dunkelheit), intuitive Abneigung gegen bittere (potenziell giftige) Speisen, Bewegungsdrang, Sammeltrieb, Körpersprache, Spontaneität und viele andere angeborene Reaktionen.

     Die Umgebung der Kranken meistens als Verhaltensstörungen interpretiert und medikamentös zu behandeln versucht. Dabei wird übersehen, dass diese Störungen überwiegend auf den falschen Umgang mit den Kranken zurückzuführen sind. Die Demenzkranken brauchen eine flexible Umgebung (Milieu), die ihren Fähigkeiten und Defiziten angepasst wird, „primitive“ Verhaltensmuster akzeptiert, notwendige pflegerische Maßnahmen möglichst stressfrei für die Betroffenen durchzuführen weiß und kreativ mit überraschenden Reaktionen umgehen kann.

     Die Demenzkranken erhalten so ein neues Zuhause, wo sie frei ihrem bewegungs- Such- und Sammeldrang nachgehen können, als wertvolle Persönlichkeiten behandelt werden, spontane soziale Kontakte, körperliche Nähe, oft auch Zärtlichkeit und Liebe erfahren und dank einer aufmerksamen Begleitung trotz Vergesslichkeit, Fehlhandlungen